Windelfrei: Natürliche Säuglingspflege & Trockenwerden

Kinderzimmer mit Wickeltisch
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WINDELFREI: NATÜRLICHE SÄUGLINGSPFLEGE & TROCKENWERDEN

– Gastbeitrag von Nancy Flege –

Hand hoch, wer kennt’s? Du öffnest die Windel und eine Fontäne schießt dir entgegen? Darüber gibt es viele lustige und manchmal auch genervte Geschichten.

Aber weißt du auch, warum dein Baby wartet, bis die Windel endlich auf ist? Darüber geht es in diesem Artikel: Um das evolutionäre Erbe unserer Steinzeitbabys – ein Geschenk von Mutter Natur, damit Babys ihre Bedürfnisse kommunizieren können.

Sie geben uns nämlich im Vorfeld Bescheid: „Hey Mama, ich muss mal, ganz dringend.“ Warum uns dieses Wissen verloren gegangen ist und wie wir dieses heute noch für uns nutzen können, erfährst du hier.

DIE ENTWICKLUNG DES WICKELKINDES

Viele Jahrtausende lang lebten wir als Jäger und Sammler und trugen unsere Babys eng am Körper –  ohne Strampler und Windeln. Damit unsere Vorfahren nicht ständig von den Ausscheidungen ihres Nachwuchses verschmutzt wurden, hat die Natur unseren Kindern verschiedene Kommunikationsstrategien mitgegeben.

Diese funktionieren bis heute und werden tatsächlich auch noch von bis zu 80 Prozent der Eltern weltweit genutzt. Nur in der westlichen Kultur ist dieses Wissen verloren gegangen, spätestens mit dem Siegeszug der superabsorbierenden Wegwerfwindel. Das Licht der Welt erblickte die erste Windel übrigens erst in den sechziger Jahren in den USA, in Deutschland sogar erst in den siebziger Jahren. 

EIN PAAR FAKTEN ZUM UMWELTPROBLEM WEGWERFWINDEL

Laut Bundesumweltministerium werden heute hingegen in Deutschland 95 Prozent aller Kinder mit Wegwerfwindeln gewickelt. Bei einer durchschnittlichen Wickelzeit von drei Jahren wurden in 2019 etwa 3,7 Milliarden Windeln in die Abfalltonne entsorgt und damit 740 Millionen Kilogramm Müll allein aus Windeln produziert.

Jedes einzelne Baby kommt dabei durchschnittlich auf gut eine Tonne Windelmüll. Das ist eine Menge, von den Kosten für die Natur und den eigenen Geldbeutel ganz zu schweigen. Auch wenn Windeln heutzutage verbrannt werden, so bleiben doch giftige Stoffe zurück. Wer mehr darüber wissen möchte, kann gerne hier nachlesen

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DER WINDELFREI-ANSATZ

Viele Eltern sind angesichts dieser Müllberge entsetzt und machen sich Gedanken, ob es nicht anders gehen kann. Stoffwindeln sind ein Anfang, aber auch diese müssen produziert, verschickt und je nach Nutzung häufig gewaschen werden. Der ökologische Fußabdruck eines Babys ist am kleinsten, je weniger Windeln überhaupt zum Einsatz kommen.

Das heißt nicht, dass Babys komplett ohne Windeln groß werden müssen. Beim Windelfrei-Ansatz geht es primär darum, die natürlichen Sauberkeits-Bedürfnisse wahrzunehmen und damit Windeln und gleichzeitig auch einhergehende Probleme, wie z. B. wunde Popos, einzusparen. Die gemeinsame Kommunikation und der achtsame, würdevolle Umgang stehen im Vordergrund, die Erfolgsquote gemessen in trockenen Windeln weniger.

Baby mit Stoffwindel

DIE KOMMUNIKATIONSSTRATEGIEN DEINES BABYS

Wie kommunizieren Babys denn, dass sie mal müssen? Ganz unterschiedlich! Babys sagen ab Geburt Bescheid, dass Darm oder Blase drücken und sie diesbezüglich Erleichterung wünschen. Die Kommunikationsstrategien sind dabei vielfältig und manche vielleicht sogar bekannt. Hier ein paar Beispiele:

  • motorische Unruhe 
  • plötzliche Ruhe
  • Grimassen schneiden 
  • Meckern, Schreien, Kreischen

Das Baby will nicht ins Tragetuch oder plötzlich raus? Das Baby dockt beim Stillen ständig ab und an? Nachts wird das Kleine unruhig, wälzt sich hin und her? Ja, dann kann es sein, dass dir dein Kind mitteilen möchte: „Hey Mama, ich muss mal und möchte dabei sauber bleiben!“

Das Wissen um diese Hintergründe kann den Alltag mit Baby deutlich entspannen. Statt Rätselraten, Kümmelöl gegen Bauchschmerzen oder Schnuller für meckernde Babys kann das Abhalten, also die Unterstützung des Kindes beim Wasserlassen oder Stuhlgang, die bessere Wahl sein – kurz- und langfristig. Mit Windelfrei gewinnen Eltern eine weitere Strategie, um die Zeit mit ihrem Baby glücklich und entspannt zu genießen.

Übrigens: Reagieren wir nicht auf die Kommunikationsversuche des Babys, wird es diese nach einigen Monaten einstellen. Es hat sich daran gewöhnt, eine Windel zu tragen und gelernt, dass dies der Ort für seine Ausscheidungen ist. Ein trauriger Gedanke, wenn man bedenkt, dass wir im höheren Alter oder vielleicht bei Krankheit darauf angewiesen sein könnten, dass uns jemand „hört“ und bei der Erledigung unserer Geschäfte hilft. Wir mögen es trocken und sauber – wie Babys eben auch.

EINIGE VORTEILE DES ABHALTENS

Das Abhalten hat viele Gesichter und hängt auch vom Alter des Babys ab. Ein Neugeborenes fühlt sich zum Beispiel auch mit einer losen Mullwindel zwischen den Beinen, einem liebevollen Gesicht in der Nähe und haltgebenden Fußkontakt wohl, um entspannt loslassen zu können. Liane Emmersberger vom Artgerecht-Projekt zeigt, wie es geht:

Wenn das Kind älter wird, kann auch ein Töpfchen eingeführt werden, an das direkt von Anfang an gewöhnt werden kann. Damit landen die Ausscheidungen meist sicher am richtigen Ort und das Kind ist durch die unterstützende Haltung der Mama (oder des Papas, der Oma, etc.) in einer optimalen Position, um sich vollständig entleeren zu können. Gleichzeitig bekommt das Kleine viel Körperkontakt, was die Bindung stärkt, und wenn es zusätzlich noch kinästhetisch korrekt bewegt wird, auch gleich noch einen Boost für seine Entwicklung, insbesondere seine Raumwahrnehmung wird dabei geschult.

Oft wird der Zeit- und Stressfaktor von Eltern genannt, die sich gegen das Abhalten aussprechen. Dabei ist eigentlich nur der Ablauf ein anderer: Anstatt später das Baby mitunter mühevoll und aufwendig zu säubern, ist durch das Abhalten nur wenig zu tun. Meist reicht ein Waschlappen oder ein Stück Toilettenpapier.

Der Windelfrei-Ansatz ist keine Methode, die nach genauen Kriterien arbeitet. Er wird von Eltern passend zur persönlichen Situation gestaltet. Ein Baby profitiert auch dann vom Abhalten, wenn es nur morgens, nur nach dem Stillen oder nach dem Schlafen abgehalten wird, also zu Zeiten, in denen üblicherweise die Windel gewechselt wird.

Wenige Male pro Tag reichen aus, um das Betriebssystem rund um die Ausscheidungen in Gang zu bringen, den Schließmuskel und vor allem die gemeinsame Kommunikation zu trainieren. Da stellen der Besuch des Kindergartens- oder die Betreuung durch Tageseltern kein Hindernis dar.

Letztlich funktioniert der Windelfrei-Ansatz nur mit entspannten Erwachsenen, damit sich das Baby ebenfalls entspannen kann. Perfektion und Erfolgsquoten sind hier also kontraproduktiv.

VOM MYTHOS DER SCHLIEßMUSKELKONTROLLE

Viele Eltern warten auf den Tag, an dem ihr Kind verkündet, dass es nun alt genug ist, die Windel abzulegen. Sie möchten keinen Druck auf das Kind ausüben und glauben, dass Kinder eine bestimmte Reife für die Kontrolle ihrer Ausscheidungen brauchen. Das verleitet leider dazu, die ersten Anzeichen zum Trockenwerden zu übersehen oder nicht richtig begleiten zu können.

Das erste Lernfenster zum eigenständigen Trockensein öffnet sich bereits mit 18 Monaten. Das ist der Moment, wo viele Kinder motorisch und sprachlich fit genug sind, um an ihrer Hose zu zerren, sie vielleicht auch schon runterzuziehen und so etwas wie „AA“ sagen können. Sie beginnen sich für die Toilette zu interessieren und reichen gerne mal das Klopapier.

Hier sind Kinder im Vorteil, die windelfrei groß werden und deren Eltern frühzeitig die Erfahrung machen durften, dass unsere Kinder sehr wohl und bereits sehr früh ihren Schließmuskel kontrollieren können. Windelfrei-Kinder gehen hier auf die Zielgerade und sind durchschnittlich mit zwei Jahren selbstständig trocken. Nicht der Schließmuskel bestimmt, wann Kinder trocken sind, sondern die Kultur, in der wir leben (und die dazugehörigen Glaubenssätze).

kleinkind

ZEITFENSTER VERPASST? KEIN PROBLEM!

Auch ohne einen windelfreien Start können Eltern jederzeit einsteigen. Freilich ist es leichter, wenn das Kind gerade offen dafür ist, nicht zeitgleich ein Geschwisterchen kommt, ein Umzug ansteht oder die Eingewöhnung in die Kita beginnt. Die Verantwortung für den Umgewöhnungsprozess von Windel auf Töpfchen oder Toilette liegt bei den Eltern, nicht beim Kind. 

Dafür ist ein würdevoller Umgang mit den Ausscheidungen entscheidend. Sie gehören zu uns dazu und sollten weder mit achtlosen „Stinker“-Kommentaren bedacht werden, noch dem Kind das Gefühl vermitteln, schmutzig zu sein. Gleichzeitig kann es unterstützen, das aktuelle Entwicklungslevel seines Kindes wahrzunehmen. Wickelkämpfe kommen nicht von ungefähr. Sobald sich ein Baby drehen, rollen oder krabbeln kann, kann das “auf-den-Rücken-zum-Wickeln-legen“ zum Workout werden.

Windelfrei-Eltern machen es vor: Wickeln im Stehen, auf dem Schoß, gar nicht wickeln, Töpfchen auf dem Balkon, Töpfchen-Party mit Teddy und einem guten Buch. Die Toilette nach dem Essen oder Schlafen anbieten und auch das Gefühl von Nasswerden sind wichtige Bausteine beim Trockenwerden – jenseits von Belohnungen und Bestrafungen. Genauso wichtig ist natürlich auch die Kleidung: Bodies, enge Hosen, Einteiler und Co. machen es unseren Kleinen nicht gerade leicht und können schnell die Lust am Ausprobieren verleiden.

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Das Artgerecht-Projekt hat mittlerweile viele Coaches rund um die Baby- und Kleinkindzeit und speziell zum Windelfrei und Windelfrei Ü2-Ansatz ausgebildet. Es werden Online-Treffen und Windelfrei-Treffen bzw. auch für größere Sorgen Beratungen angeboten. 

Bei Youtube findest du ganz viel Input rund um achtsames kinästhetisches Infant Handling, insbesondere beim Wickeln, An- und Ausziehen oder Abhalten. Zusätzlich kannst du dich hier ein wenig über Windelfrei hier informieren.

Im Frühling wird es auch noch einen Podcast rund um Windelfrei auf meiner Webseite und den gängigen Plattformem geben. Zu guter Letzt bin ich als Artgerecht-Coach natürlich auch als Ansprechpartner für dich da.

Deine Nancy von Lebensschritte

NANCY FLEGE // ARTGERECHT-COACH

NANCY FLEGE // ARTGERECHT-COACH

“Nur ihr Herz ist noch größer als ihre Klappe”, sagt mein Mann über mich. Hallo, ich bin Nancy, Mama von zwei zauberhaften Kindern, Informationsjunkie und Artgerecht-Coach. Mein Herzensthema ist der artgerechte, entspannte Familienalltag und wie wir die Bedürfnisse aller unter Hut bekommen - insbesondere unserer Babys und Kleinkinder.

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